Powell & more….
Am 8. April sind wir mit unserer neuen Reihe Powell & more … gestartet.
Hier die Begrüßung des Präsidenten.
Wir danken Prof. Dr. SPECK für die erneute Aufnahme in sein Haus, und wir schließen Dr. Giesela SPECK ausdrücklich in diesen Dank ein, in der Gewissheit, dass wir uns Ihrer Fürsprache sicher sein dürfen, denn sie hat schon früh den ‚Dance…‘ gelesen und ist voller Überzeugung Mitglied der APG. Aber unser Dank gilt nicht nur der heutigen Beherbergung: die jüngste Proustreise nach u.a. Cabourg war Anlass, die Aktivitäten wieder aufzunehmen. Dort, an historischer Stätte, im Grand Hotel konnten wir uns an die Erinnerung von Nick Jenkins an Prousts Balbec erinnern, wie Powell sie in ‚The Military Philosophers‘ festgehalten hat.
Das Interesse der Proustianer an AP war aber nicht der einzige Anlass, die Geschäfte wieder aufzunehmen. Auch der Umstand, dass sich soeben, am 28. März, der Todestag von AP zum 25. Mal gejährt hat, verdient zumindest eine kleine Tagung zu seinen Ehren. Und vor genau 50 Jahren wurde der Zyklus abgeschlossen, als der letzte Band des ‚Dance…‘ ‚Hearing Secret Harmonies‘ erschien.
Und von da noch einmal 50 Jahre zurück: 1925 ist Virginia Woolfs Mrs. Dalloway erschienen, der an einem einzigen Tag spielt (Dallowday) und damit an James Joyces Ulysses erinnert. Und der wiederum ist 1922 erschienen, zeitgleich mit Marcel Prousts ‚Recherche…‘ in der englischen Übersetzung von Scott Moncrieff, die unseren jungen Tony so sehr beeindruckt hat. Und wir sind heute bei Prousts zu Hause und haben uns als Thema Übersetzungen des ‚englischen Proust‘ ins Deutsche ausgesucht. Sie sehen, alles hängt irgendwie mit allem zusammen und man kommt immer wieder zum Ausgangspunkt zurück.
Ich will kurz über unsere letzten Aktivitäten berichten: Anlässlich der 400 Jahr-Feier der UB Köln über Shakespeares First Folio und dessen Digitalisierung hat sich Johanna Dombois über die Shakespeare-Zitate in den Titeln von AP’s Memoiren Gedanken gemacht. Nachzulesen auf unserer Homepage und leicht überarbeitet in der FAZ.
Demnächst zum 15. Jahrestags unserer Gründung am 23.12., dem Geburtstag des Autors, ist ein Vortrag über APs Vorkriegsromane geplant: der fiktive Kritiker Hans Mentz, der in der Titanic AP‘s wie „Romane von Henry James, bearbeitet von Ernst Lubitsch in der Regie des jungen Fellini“ beschrieben hat, ist heute hier unter uns und hat sich bereit erklärt, den Vortrag zu halten. Außerdem ist ein Referat über die „Bücher im Dance…“ geplant.
Unabhängig davon planen Herr Speck und ich ein Buch mit dem Titel „Powell über Proust“, in dem alle Äußerungen von AP über Proust erstmals in Deutsch und kommentiert im Dittrich Verlag erscheinen sollen.
Für alle interessant sind die Lesungen und Diskussionen im Internet, die ein Herr namens Brad Bigelow (der unter neglectedbooks.com zu erreichen ist) unter der Anschrift veranstaltet. Die ersten zwei Bücher sind vor einiger zeit besprochen wordenund gestern war der dritte Band Acceptance World an der Reihe, alles nachträglich zu beobachten auf youtube.be/pvT-Poert2M
Für alle Powellianer ist auch das neue Buch von Simon Barnes von Bedeutung, 12 Books to furnish a room.
Heute befassen wir uns mit den Übersetzungen des „Dance…“ ins Deutsche. Und damit auch mit der ersten deutschen Übersetzerin Dr. Katharina Focke, die vor ihren politischen Ämtern als Übersetzerin gearbeitet hat. Anschließend erwartet uns ein Vergleich der drei deutschen Übersetzungen. Der Vizepräsident der APG Dr. Henner Löffler, bekannt durch sein Doderer-ABC und zuletzt durch seine beiden Beiträge zu den „Adenauerianern“, ebenfalls bei Dittrich erschienen, führt uns durch ein schwieriges Feld.
Tom Hillebrand arbeitet bei der Friedrich Ebert – Stiftung in Bonn in der Bibliothek und im Archiv, wo er Anfragen von Autoren und Publizisten beantwortet. Er sitzt also an der Quelle von allem, was die SPD so ausmacht. Und Teil des Quellwassers ist natürlich die ehemalige Bundesministerin Dr. Katharina Focke, um die es heute hier im zweiten Beitrag gehen soll. Warum und wie Frau Focke, allen Kölnern natürlich bestens in Erinnerung, zur SPD kam und was sie sonst noch so gemacht hat, wird uns jetzt Tom Hillebrand erzählen, der das alles deswegen so genau weiß, weil er seine Doktorarbeit an der Uni Bonn bei der Historikerin Prof. Ulrike Krüger über eben Katharina Focke schreibt. Und er wird uns jetzt an seinen bisherigen Forschungen teilhaben lassen.
Tom Hillebrand
Guten Abend meine Damen und Herren,
ich möchte heute, indem ich über Katharina Focke, Europapolitikerin, Bundesministerin für Familie, Jugend und Gesundheit (1972-1976) und erste Übersetzerin eines Romans von Anthony Powell ins Deutsche referiere, über eine Frau sprechen, die in ihrer Widersprüchlichkeit für mich während der Abfassung meiner Dissertation überaus faszinierend war. Leider hatte ich keine Gelegenheit mehr Frau Focke, die 2016 verstorben ist, persönlich kennenzulernen. Aber die große Anzahl von Akten, Publikationen, aber auch Video- und Tonaufnahmen, die von ihrem Lebenswerk zeugen, haben mir doch einen guten Eindruck verschaffen können mit welcher für den Politikbetrieb ungewöhnlichen Persönlichkeit ich mich beschäftigen durfte.
Zunächst die Eckdaten: Katharina Focke wurde 1922 in Bonn, damals noch unter dem Namen Elsbeth Charlotte Katharina Friedlaender, als Tochter der Ärztin Franziska Friedlaender und ihres Mannes, des Geschäftsmannes und späteren Publizisten, Ernst Friedlaender geboren. Bereits früh zog die Familie, zu der noch drei weitere Kinder hinzukamen, nach Berlin, wo Friedlaender bei der IG-Farben-Tocher AGFA in leitender Position arbeitete. Ihre Kindheit in Berlin empfand Elsbeth als starr: „Es war eine strenge Kinderstube, die viel Wert auf gute Manieren und hübsche, saubere Kleider legte. Schattenhaft weiß ich noch, wie ungern wir zum Schlafen hergerichtet, bei Besuch ins Wohnzimmer gerufen wurden, um gute Nacht zu sagen, artig mit Küsschen und sogar Handkuss“. Doch als die Familie 1929 nach Binghampton (New York) zog, änderte sich das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vater, der sich dem Lebensstil in der neuen Heimat anpasste und seinen Kindern nun auf Augenhöhe begegnete: „Erwachsene wie Kinder gingen in allen Häusern ein und aus und das Leben war ein heiteres Vergnügen. (…) [M]ein Vater wurde ein richtiger Vater. Er sprach schon bald mit uns amerikanisch (…) und diese Sprache wirkte sich auch auf die Beziehung aus: er nannte uns und mich: pals“. Doch inmitten dieses amerikanischen Idylls sollte Friedlaender 1931 wieder in der deutschen Zentrale der AGFA in Berlin arbeiten. Friedlaender, der sich in wenigen Jahren einigen Wohlstand hatte aufbauen können, entschied sich jedoch dagegen. In Deutschland hatte die NSDAP soeben knapp zwanzig Prozent der Stimmen ergattern können und die große Koalition unter Hermann Müller (SPD) sowie der vier bürgerlichen Parteien war im März 1930 zerbrochen – der politische Extremismus von links und rechts hatte Hochkonjunktur. Friedlaender, der als Sohn eines jüdischen Arztes in der NS-Diktion als „Halbjude“ galt, entschied sich daher stattdessen dafür mit seiner Familie Europa zu bereisen. Nach Aufenthalten in Domizilen unter anderem in Frankreich und der Schweiz erwarb die Familie eine große Villa in Vaduz, der Hauptstadt von Liechtenstein, aus dem die Familie spätestens mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland im Jahr 1938 kaum noch herauskam. Elsbeth wurde daher, von wenigen Monaten Schulaufenthalt in Davos abgesehen, von ihrem Vater zuhause unterrichtet, der während dieser Emigrationszeit mehrere Abhandlungen über europäische Nachkriegsordnungen schrieb, die alle miteinander den Gedanken eines vereinten Europas teilten. Elsbeth, die in zahlreichen Gesprächen mit ihrem Vater über seine Schriften diese Inhalte förmlich in sich aufsog wurde dadurch für ihr ganzes Leben geprägt. Noch viele Jahre später, als sie im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt Staatssekretärin für Europafragen wurde (1969-1972) schrieb sie über ihren Vater: „Er war mein Lehrer bis ins Kanzleramt hinein.“ Auch nach dem Ende des zweiten Weltkrieges arbeitete sie für ihren Vater, der mittlerweile Leitartikler der gerade gegründeten Wochenzeitung „Die Zeit“ war und engagierte sich in der sogenannten Europäischen Bewegung, einer zivilgesellschaftlichen Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, auf die Vereinigten Staaten von Europa hinzuarbeiten. In der Europäischen Bewegung lernte sie auch Ernst-Günther Focke kennen, den sie 1954 heiratete. Obwohl sie später in der SPD eine steile Karriere als Parteipolitikerin absolvierte, sagte sie 1987 rückblickend über ihre Ehe: „Ich war als junge Frau selig (…), zu heiraten, zu kochen und einen Mann zu verwöhnen (…). Ich hoffte schnell Kinder zu bekommen und eine Familie aufzubauen.“ Einen unbedingten Drang einen Beruf wahrzunehmen, verspürte sie nicht, aber sie übersetzte hin und wieder Romane vom Englischen ins Deutsche. Darunter auch im Jahr 1961, kurz vor dem Tod ihres Mannes, „At Lady Molly’s“, den vierten Band von Anthony Powells Romanzyklus „A Dance to the Music of Time“. Heute ist es leider nicht mehr nachvollziehbar, warum Katharina Focke, gerade die Übersetzung dieses Bandes, den sie mit „Lady Mollys Menagerie“ für den Cotta Verlag ins Deutsche übertrug, an sie herangetragen wurde. Als die deutsche Anthony Powell Society (APS) viele Jahre später bei Cotta nachfragte, konnte auch der Verlage keine neuen Erkenntnisse beisteuern, weshalb man mit der Übersetzung des vierten Bandes begann – bevor auch nur einer der drei ersten Bände übersetzt worden war! Als sich die APS an die mittlerweile über achtzigjährige Katharina Focke wandte, ging sie zunächst davon aus, dass man sich mit ihr einen Scherz erlaube. Denn auch sie selbst hatte bis dahin nicht gewusst, dass es sich bei ihrer Übersetzungstätigkeit um den vierten Band eines zwölfteiligen Romanzyklus handelte. Die APS ernannte Frau Focke in der Folge zu ihrem Ehrenmitglied. Weitere Beispiele von Übersetzern in der deutschen Spitzenpolitik sind eher selten. In Frau Fockes Partei, der SPD ist etwa der deutsch-französische Europapolitiker Carlo Schmid zu nennen, der eine sehr breit rezipierte Übersetzung von Charles Baudelaires ,Fleures du mal“ vorlegte. Nach dem Tode ihres Mannes war sie wieder europapolitisch und wurde Focke Geschäftsführerin des Bildungswerks für Europäische Politik in Köln, dass ebenfalls Teil der Europäischen Bewegung war. Da Focke jedoch schnell bemerkte, dass sie wirksame Europapolitik nur als Parteipolitikerin machen könne, trat sie 1964 in die SPD ein. In der Partei stieg sie schnell auf und war bereits 1969 als Staatssekretärin für Europafragen unter Bundeskanzler Willy Brandt maßgeblich für die Organisation der Haager Konferenz der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft verantwortlich. Die Konferenz führte letztlich dazu, dass sich die EWG-Staaten dazu verpflichteten, die Beitrittsverhandlungen mit Dänemark, Irland, Norwegen, aber vor allem Großbritannien zu finalisieren, dass dadurch bereits 1973 unter dem damaligen Premierminister Edward Heath offiziell der EWG beitrat. Als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (1972-1976) konnte Focke einige Reformen, wie die Arzneimittelrechtsreform oder das Tagesmütter-Modellprojekt auf den Weg bringen. Während sie mit Brandt gut zusammengearbeitet hatte, fühlte sie sich jedoch von Helmut Schmidt, der 1972 die Nachfolge von Brandt als Bundeskanzler angetreten hatte in für sie entscheidenden Projekten wie der Jugendhilferechtsreform zu wenig unterstützt. Deshalb legte Focke bereits nach vier Jahren als Bundesministerin ihr Amt nieder. Während ihrer zehnjährigen Tätigkeit als Europaparlamentarierin widmete sie sich vor allem der Entwicklungspolitik und konnte etwa federführend das sogenannte Lomé-Abkommen (benannt nach der Hauptstadt Togos), einem Kooperationsabkommen zwischen der EWG und den AKP (Asien, Karibik, Pazifik) auf den Weg bringen. Als sie 1989 nach einer langen politischen Karriere aus dem Europaparlament ausschied, besaß sie wieder Zeit sich anderen Dingen, wie dem Klavierspiel, dem Lesen oder dem Reisen zu widmen. Focke, die seit 1961 in Köln gelebt hatte, verstarb auch dort 2016 im Alter von 94 Jahren.
Henner Löffler
Powell übersetzen
Geschätzte Freunde englischer Literatur, es ist mir eine Ehre, in diesem Tempel für Autoren des Ranges von Petrarca und Proust etwas zu Anthony Powell sagen zu dürfen. Ich bitte vorab um Nachsicht, dass ich, bevor ich zu Powell und dem Vergleich alternativer Übersetzungen von Teilen seines ‚Dance to the Music of Time‘ ins Deutsche komme, ein wenig aushole in Sachen Übersetzungen aus dem Englischen generell, vielleicht zu weit. Aber eine Stunde mit Vergleichen und Bewerten von verschiedenen Eindeutschungen zu verbringen, wäre etwas für ein Anglistik – Proseminar, aber als Vortrag für Sie wie für mich schwer erträglich. Deshalb werde ich mich, wenn wir zum DANCE kommen, auf die Titel der einzelnen Bände, im Original von 1951 bis 1975 erschienen, und auf ein halbes Dutzend spontan ausgewählter Passagen beschränken.
‚Übersetzen kann jeder, der eine zweite Sprache kann‘, mit dieser provokativ ironischen Bemerkung eröffnet Judith Macheiner, die an der Berliner Humboldt Universität den Lehrstuhl für Übersetzungswissenschaft innehatte, ihr 1995 in der ‚Anderen Bibliothek‘ erschienenes, höchst interessantes und geistreiches Buch: ‚Übersetzen. Ein Vademecum‘.
Im Anschluss präsentiert Frau Macheiner aus einer ‚missglückten Übersetzung‘ von Hemingways ‚Der alte Mann und das Meer‘, analysiert die Gründe für diese Bewertung und kommt in mehreren Schritten der idealen Übersetzung immer näher, womit sie ihre Bemerkung von oben hinsichtlich ‚Jeder kann…‘ ad absurdum führt, was natürlich zu erwarten war.
In der Alltagssprache funktioniert das Übersetzen vom Englischen ins Deutsche irgendwie immer, aber das gilt keineswegs für anspruchsvolle literarische Texte. Von diesen sind Gedichte das Schwerste, infolge des Zwangs zum Reim wie Rhythmus. Ich würde gerne mit einem Beispiel für eine gelungene Übersetzung eines Limericks aus dem Englischen beginnen, um uns ein wenig aufzulockern und für die Probleme des Übersetzens, in welcher Form auch immer, zu sensibilisieren. Der anschließende Fall behandelt eines von vielen sehr geistreichen volkstümlichen Gedichten, wobei die Übersetzung nicht etwa einfacher ist, sondern ebenso schwierig wie bei einem sagen wir mal Sonett. Was dann zu der Schlussfolgerung führen könnte, dass man eigentlich nicht alles literarisch Wichtige übersetzen muss, vor allem wenn es zu kompliziert wird. Das gilt auch für Deutsch / Englisch: Schauen Sie sich mal im Netz die Beispiele der Übersetzungen von Goethes Gedicht ‚Wanderers Nachtlied‘ an. Ich denke, das musste nicht sein.
Zurück zum angekündigten Limerick. Bei dieser Gedichtform handelt es sich um eine spezifisch irische und nach einem im Südwesten Irlands liegenden County wie auch Stadt benannte Gedichtvariante, deren jeweiliger Verfasser/-in der Regel unbekannt ist. Sie ist ein fünfzeiliges, witziges, manchmal auch zweideutiges, Gedicht mit einem festen metrischen Schema, das die Reimform A – A – B – B – A aufweist, und dessen erste Zeile mit dem Namen einer, möglichst ausgefallenen, Stadt, seltener eines Landes, endet. Dieser Name darf nicht erfunden sein, ist aber inhaltlich völlig bedeutungslos und gibt nur den Reim in A1 und A2 vor. Eines der bekanntesten Exemplare lautet wie folgt:
There was a young lady from Riga,
Eine junge Dame aus Riga
who smiled when she rode on a tiger.
ritt lächelnd auf einem Tiger.
They came back from the ride
Auf dem Wege zurück,
with the lady inside,
lächelte er vor Glück,
and the smile on the face of the tiger
denn sie war jetzt drinnen im Tiger.
Es klingt ganz einfach, aber dieses Beispiel stellt in der Realität die absolute Ausnahme dar. Der vielleicht berühmteste Limerick ist zufällig auch der einzige, dessen Übersetzung ins Deutsche zugleich korrekt ist und den Reim- wie Rhythmus-Regeln folgt, was bei fast allen anderen die Lösung wesentlich erschwert, meistens sogar unmöglich macht.
In diesem Beispiel ist sie mühelos gelungen, und nur, weil der Städtename und die Tierart sich in beiden Sprachen (jedenfalls beim Sprechen) reimen, und aus dem ‚Lächeln‘ durch die Hinzufügung von ‚Glück‘ der Reim erzeugt werden kann.
Ich würde aus dem gerade Gesagten ohne weitere Beispiele, was einfach wäre, den Schluss ziehen, dass es unübersetzbare Texte gibt und dass es sie geben muss und darf. Nicht nur Gedichte, sondern auch Prosa. Hier drängt sich ein Fall ganz besonders auf: James Joyce‘ Spätwerk Finnegans Wake, auf das ich am Schluss noch einmal zurückkommen werde.
In diesem Zusammenhang möchte ich einen der besten deutschen Übersetzer aus dem Englischen erwähnen, Harry Rowohlt, großer Irland-Kenner, Sohn des legendären Ernst Rowohlt, der dessen Anteile erbte, aber ablehnte; von Beruf Übersetzer und Vorleser. Vor zwei Wochen ist im Schweizer Kein & Aber Verlag eine Biographie Harry Rowohlts von erschienen, die sich, neben seinen Übersetzer – Leistungen zu Flann O’Brien, Frank McCourt (beide Iren) denen von A.A. Milne und damit zu Winnie – the Pooh, also ‚Pu der Bär‘ widmet, wofür man ihm ewig dankbar sein muss. Hier ein schönes Zitat des, wie er sich nannte, ‚Unübersetzers‘:
„Da hört doch die Büroarbeit auf, und der Job fängt an. So soll es doch sein. „Übersetzbare Sachen kann doch wirklich jeder übersetzen.“
Geistreich, aber natürlich überspitzt. Interessant können auch Falschübersetzungen sein, was ganz besonders lächerlich wirkt, wenn es schon mit dem Buchtitel beginnt. Das unfreiwillig komischste Beispiel stelle ich Ihnen gerne vor. Das Opfer stammt wieder, kein Wunder, aus Irland, Es handelt sich bei dem Autor um den neben James Joyce geistreichsten irischen Dichter des 20. Jahrhunderts, Brian O’Nolan (1911-1966), der übrigens Philosophie und Germanistik in Dublin und Köln studiert hat und unter dem Pseudonym Flann O’Brien – da ist er schon wieder – Romane, Essays und Gedichte veröffentlichte. Sein bekanntester Roman erschien im Jahr 1939 und hieß At Swim – two – birds. Die erste deutsche Übersetzung durch Lore Fiedler erschien 1966 im Rowohlt Verlag unter dem Titel Zwei Vögel beim Schwimmen, einleuchtend auf den ersten Blick, wenn man nicht die Bindestriche berücksichtig. Das Buch wurde kaum wahrgenommen. Inwieweit dies auf die falsche Übersetzung des Titels zurückzuführen ist, steht dahin. 23 Jahre später kam dann bei Haffmans die zweite Übersetzung heraus. Titel: In Schwimmen-Zwei- Vögel, in der deutschen Gesamtausgabe später korrigiert zu Auf Schwimmen-Zwei Vögel.
Denn so, Swim-Two-Birds, lautet der Name einer, natürlich irischen, Stadt, welche auf einer Furt zwischen zwei Flüssen liegt, von denen einer der Shannon ist. Übersetzer dieses und anderer Romane von Flann O’Brien war auch diesmal der wundervolle Harry Rowohlt.
Manchmal führen auch unsensibel übersetzte Titel zu falscher Rezeption. Ein Beispiel ist einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts, Die Abenteuer des braven Soldaten Svejk im Weltkrieg, dessen Übersetzung durch Grete Reiner im Jahr 1926, welche darum bemüht war, nicht anzustoßen, indem Schimpfwörter, Flüche, aber auch Anspielungen auf Sexualität weggelassen oder verändert wurden, den Autor berühmt machte. Ich bin der Meinung, dass gerade der Begriff ‚brav‘ statt des korrekten ‚gut‘ sich verharmlosend auswirkte, und es unter anderem ermöglichte, dass Heinz Rühmann ihn in einer sowieso schon restlos verkorksten Verfilmung aus dem Jahr 1960 als harmlosen Halbtrottel darstellen konnte, was der Svejk Haseks eben nicht war, sondern jemand, der sich über Bürokratie und Militär wie deren Kombination lustig machte, sie demaskierte, indem er sie ernst nahm und ihre Forderungen übererfüllte. Den wirklichen Svejk haben wir erst seit dem Erscheinen der unpurgierten Übersetzung durch Antonin Brousek bei Reclam im Jahr 2014 unter dem korrekten Titel Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg.
Um nun endlich zu Anthony Powell zu kommen: Der Titel seines zwölfbändigen Hauptwerks, A Dance to the Music of Time (im Folgenden DANCE), unseres Themas heute, ist in der Übersetzung durch Bernhard Schlienzmann, auch schon mal verfälscht worden ist, und zwar zu Tanz zur Zeitmusik. Das ist nicht nachvollziehbar.
Erstens steht im Original ‚Ein Tanz zur Musik der Zeit‘, und wie so oft ist die einfachste Übertragung die Beste, zweitens klingt es besser, ist poetischer, stringenter und flüssiger. Es gibt keinen Grund, den Sprachrhythmus des Originals zu zerstören. Ferner klingt ‚Zeitmusik‘ auch ein wenig nach ‚Zeitgenössische Musik‘.
Vor allem aber sprach Powell ohne Frage von der Musik, welche die Zeit erzeugt, in deren mythischer Form als bärtiger Chronos, der wie im gleichnamigen (das allein reicht ja schon als Argument) Gemälde von Nicolas Poussin, entstanden zwischen 1634 und 1636, und Vorbild für den Titel von DANCE, die Leier spielt und damit die vier Grazien = Jahreszeiten steuert, welche um ihn herumtanzen, mit dem Gesicht zum Betrachter.
Es funktionierte also bis auf einen der drei ‚Übersetzenden‘ besser als bei Flann O‘Brien, und ich bitte mir den folgenden Sprung zu verzeihen, bei einem, noch komplizierteren, oder dem kompliziertesten aller Dichter: William Shakespeare. Seine dramatischen Texte, die ja jedem, der sie im Original liest, so vorkommen müssen, (ganz zu schweigen von den Sonetten, auf die ich später noch einmal kurz zurückkommen werde) unter anderem, weil sie ein paar Jahrhunderte alt sind, mit ganz anderen Sprachmodi und Wortbedeutungen, mit viel stärker differenzierten Begriffen und Anwendungen bei Unter- vs. Oberschicht, deutlich mehr noch als beim heutigem ‚Normal‘-Englisch vs. Cockney-Version.
Der erste mit Namen bekannte Übersetzer Shakespeares ins Deutsche war Christoph Martin Wieland.
Man kann das und vieles mehr über seine Rolle in der Geschichte der frühen Übersetzungen von Shakespeares Dramen in einer neuen, bei C.H.Beck erschienenen, Wieland – Biografie nachlesen, die ich jedem von Ihnen ans Herz legen möchte, nicht nur Shakespeares wegen, sondern vor allem. weil sie einen überraschend modernen, eleganten Wieland als Mensch wie als Dichter – und Übersetzer – bietet. Sie stammt aus der Feder von Jan Philipp Reemtsma, und trägt den Untertitel Die Erfindung der modernen deutschen Literatur, was Reemtsma hinreichend unter Beweis stellt.
Wieland war es eben, der von 1762 bis 1767 zweiundzwanzig Theaterstücke des großen Barden übersetzte, die parallel zum Entstehen gedruckt wurden. Zuvor hatten nur wenige Deutsche eines seiner Stücke erleben dürfen, dargeboten von englischen Wanderschauspielern in ihrer Sprache, gelegentlich auch auf Holländisch.
Es war dies zweifellos eine auch im Umfang großartige Leistung, wogegen allerdings Friedrich II. (der ‚Große‘) anschrieb, welcher Shakespeares Stücke (er kannte sie aus Wielands Übersetzung, aber um die ging es nicht), insgesamt als ‚abscheulich‘ und als ‚lächerliche Farcen‘ bezeichnete, die ‚nur würdig wären, vor den Wilden von Canada gespielt zu werden.‘ (was immer das bedeuten mag!). Dies in einem seinerzeit aus dem Französischen übersetzten Buch unter dem Titel ‚Ueber die deutsche Litteratur, die Mängel, die man ihr vorwerfen kann; die Ursachen derselben und die Mittel, sie zu verbessern (Berlin 1780). Breiten wir den Mantel des Schweigens darüber.
Wer sich für den Vergleich von Wielands Prosa – Übersetzungen (bis auf A Midsummer Night’s Dream) mit den fünfunddreißig Jahre später von Schlegel/Tieck begonnenen Werken interessiert, welche ja zu ihrer Zeit und dann unreflektiert weiter, als überlegen gelten, zu unrecht, kann in Reemtsmas Buch viele interessante Details finden, und mit ihm zu dem Schluss kommen, dass Wieland den Übersetzer – Job in vielen Einzelheiten besser erledigte als Schlegel/Tieck, wozu übrigens auch Rolf Vollmann in seinem grandiosen Buch Shakespeares Arche einiges zu sagen hat. Unter Anderem führt er aus:
„Ich habe für die Übersetzung der englischen Zitate fast durchweg Wielands deutschen Shakespeare benutzt, … weil er … beeindruckend klug ist.“
Sie alle wissen, dass Schlegel/Tieck das ‚Mitt-‘ vor dem ‚Sommernachtstraum‘ grundlos wegließen, denn das Stück spielt nur in einer Nacht, der vom 20. auf den 21. Juni.
In seinem wunderbaren Buch ‚Die Leichtigkeit des Schweren. Lesen. Verstehen. Übersetzen‘ sagt Klaus Reichert zum gleichen Thema: ‚Die Prosa ist geradezu die einzige, wenn auch gewalttätige Möglichkeit, Shakespeare den feinsinnigen Kunstrichtern bis hin zu Voltaire zu entreißen, und das Besondere dieses Autors überhaupt erstmal sichtbar zu machen. Mit dem Prosa-Shakespeare wurde die Prosa als Bühnensprache möglich.‘
Er war es übrigens, der sämtliche Sonette Shakespeares mit ihren maximal komplizierten Regeln ins Deutsche übertragen hat, wozu er abschließend sagt: „Es gibt bei Shakespeare keine Füllwörter; man kann bei ihm nicht sagen, der Gedanke sei zu Ende, aber der Vers noch nicht. Das Deutsch meiner Umdichtungen ist so kompliziert wie das Englische, manchmal, notgedrungen, noch komplizierter.“
Bei Reemtsma erfuhr ich zu meinem Staunen, dass Schlegel/Tieck bei ihrem Sommernachtstraum Wielands Übersetzung ‚Zettel‘ als Namen des Webers ‚Bottom‘ übernahmen, weil letzterer Begriff das nämliche, nicht große, aber sehr wichtige Teil eines Webstuhls meint, Wieland wusste sowas. Deshalb auch lautet der Titel der englischen Version von Arno Schmidt’s Spätwerk ‚Zettels Traum‘, seinem Gegenstück zu Finnegans Wake, auch ‚Bottom’s Dream‘. Wer hätte das gewusst? Ich empfehle Ihnen aus ganzem Herzen noch einmal die Lektüre von Reemtsmas Buch, nicht nur in Sachen Shakespeare, sondern ebenso in Sachen Wieland.
Reemtsma bezeichnet Wielands Shakespeare – Übersetzungen als ‚einen wichtigen Schritt zur Modernisierung der deutschen Sprache‘ und fügt an, dass Wieland die Grundlagen der Erfindung der modernen deutschen Literatur mit der Entdeckung und Übersetzung Shakespeares gelegt habe. Er erwähnt als interessantes Detail, dass Wieland sich die englische Sprache selbst während seines langen Aufenthalts in Zürich, bei seinem Freund Johann Jakob Bodmer, ‚mit einer Grammatik und einem Wörterbuch (beides gab es also schon!), sowie anderen englischen Texten, aber auch einem Wörterbuch Englisch – Französisch beigebracht habe.
Nach dieser langen Abweichung möchte ich nun endlich wieder in Richtung Powell steuern. Die im Grunde von englischen Autoren erfundene Gattung des Romans, samt zum Beispiel Ich – Erzählern und fiktiven Biographien (Zitat Reemtsma: „Wenn man sich einmal entschieden hat, einen Roman als fiktive Biographie … nach der Art von Fieldings Tom Jones anzulegen, begegnet man Lesererwartungen, die man bedienen kann, … und Wieland gedachte sie … zu bedienen.“) war nach meiner festen Überzeugung ebenso Teil der Erfindung der modernen Literatur wie Shakespeares Stücke. Die Übersetzer waren besonders schnell dabei, ihre Versionen den deutschen Lesern zu offerieren. Das begann wohl mit dem Robinson Crusoe Daniel Defoes aus dem Jahr 1719, der schon ein Jahr später in gleich vier deutschen Übersetzungen vorlag, welche, wie ich annehme, heutigen Ansprüchen kaum mehr genügen dürften. Ähnliches gilt allerdings wohl kaum generell für die Übersetzungen der vielen im 18. und frühen 19. Jahrhundert erschienenen klassischen Romane von Henry Fielding, Tobias Smollett, William Makepeace Thackeray (dem Erfinder, am Rande erwähnt, des unzuverlässigen Icherzählers, Barry Lyndon (1844), einem ganz üblen Menschen, nur vergleichbar mit dem ebenso unzuverlässigen wie bösartigen Icherzähler Humbert Humbert aus Vladimir Nabokovs Lolita (1955).
Zu der Sorte unzuverlässiger, aber zugleich liebenswürdiger Ich-Erzähler gehört auch Nicholas Jenkins. Dies ist aber heute nicht Thema.
Ein Zitat zu Thackerey: „Der Icherzähler [von BARRY LYNDON], der das Buch offenbar im Schuldturm schreibt, in dem er dann als Alkoholiker stirbt, erzählt das Leben eines prahlenden Angebers, der offenbar selber nicht wahrhaben will, dass er ein armer Kerl ist, oder durch den Autor sagen lassen will, dass alle, die wir für große Leute halten, ein so hohles Selbstbewusstsein haben wie der Selbsterzähler.“ Wieder mal Rolf Vollmann, diesmal aus ‚Die wunderbaren Falschmünzer. Ein Roman-Verführer,‘ Frankfurt 1997.
Richtig schwierig wurde es jedoch wieder bei einem Iren, nämlich Laurence Sterne (manchmal könnte man denken, dass die Iren ganz alleine für die Abteilung ‚Humor‘ in der britischen Prosa zuständig waren, nicht erwähnt habe ich Jonathan Swift) und seinem grandiosen ‚The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman‘, einem sprachlich wie inhaltlich höchst komplexen und skurrilen Roman, erschienen zwischen 1762 und 1767. Die schon sehr werkgerechte erste deutsche Übersetzung, welche dem Originaltext einigermaßen Ehre antut, erschien ab 1769, der Übersetzer war Johann Joachim Christoph Bode.
Sie war angemessen, was schon viel heißt, leider jedoch insofern purgiert, als viele der für Sterne typischen versteckten wie provokant offenen Anspielungen auf sexuelle Zusammenhänge zwar nicht unterdrückt, aber so übersetzt wurden, dass nur höchst sorgfältige Leser sie verstehen konnten. Das ist auch eine Parallele zu Shakespeare, bei dem Wieland manche Obszönitäten und Geschmacklosigkeiten in vorauseilendem Gehorsam (sein eigener Roman ‚Agathon‘ wurde übrigens in der Schweiz wegen obszöner Inhalte auf den Index gesetzt) wegließ.
Eine weitere Abschweifung muss an dieser Stelle sein: Zwischen 1750 und 1850 gab es auch in Österreich einen INDEX LIBRORUM PROHIBITORUM, also ein Verzeichnis verbotener Bücher, welches selbst ein Bestseller wurde, und deshalb auf den nämlichen Index gesetzt werden musste.
Die erste absolut kongruente Übersetzung von ‚The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman‘ durch Michael Walter erschien dann, mehr als zwei Jahrhunderte später, von 1983 bis 1990. Ähnliches galt auch für Sternes zweites Hauptwerk, das 1766 erschienene A Sentimental Journey through France and Italy, dessen letzter Satz in der Übersetzung Michael Walters (2010) ohne einen Punkt, noch nicht einmal Pünktchen, endet. Der Leser soll das fehlende Wort erraten müssen, und natürlich ist es nicht jugendfrei.
Auch dass Wieland von Sterne begeistert war, habe ich durch die Biographie erfahren. Reemtsma zitiert aus einem Brief des Dichters, der mit Goethe, Schiller und Herder das ‚Weimarer Quartett‘ bildete: „Er ist beynah der einzige Autor in der Welt, den ich mit einer Art ehrfurchtsvoller Bewunderung ansehe. Ich werde sein Buch (Tristram Shandy) studiren so lang ich lebe, und es doch noch nicht genug studirt haben.“ Es gibt bei Powell keine Stelle, welche sein Verhältnis zu Sterne klarstellen könnte, aber dass er seinem ersten Sohn den Vornamen Tristram mitgab, spricht wohl für eine gewisse Verehrung.
Noch schwieriger als bei Sterne war es übersetzungsmäßig rund 240 Jahre später bei einem Amerikaner, David Foster Wallace und seinem Mammutroman Infinite Jest (1996), natürlich ein Shakespeare – Zitat (Hamlet als er den Schädel Yoricks hochhebt, ‚A fellow of Infinite Jest‘), wir drehen uns wie es scheint, im Kreise, auf den ersten Blick un- oder schwerst übersetzbar. Und doch erschien er im Jahr 2009, als Unendlicher Spaß auf Deutsch, was den Übersetzer Ulrich Blumenbach mehr als zehn Jahre Arbeit gekostet hat, kein Wunder bei 1.545 engbedruckten Seiten.
Der Schluss draus findet sich schon bei Judith Macheiner als Grundannahme, dass nämlich „Übersetzen ein ebenso langwieriger künstlerischer Prozess der allmählichen Annäherung an den perfekten Text ist wie das Original“.
Es ist ein Satz, der über jedem Essay zum Übersetzen stehen sollte. Aber so angesehen, wie er es verdient, ist der Beruf des Übersetzers nicht,PAUSE
Ulrich Blumenbach ist auch der mutige Mann, der seit letztem Jahr in der Abgeschiedenheit eines Übersetzerhauses damit beschäftigt ist, das Unmögliche (so behauptete ich es zuvor) möglich zu machen, nämlich die Übersetzung von Finnegans Wake, dem bis heute als unübersetzbar geltendem Spätwerk von James Joyce. Zitat aus einem Interview mit Blumenbach: „Das Buch dürfte wohl zu den legendärsten Büchern der europäischen Literaturgeschichte zählen – der Text setzt sich aus Dutzenden von Sprachen zusammen, entzieht sich vereinfachenden Deutungen und gilt ganz nebenbei als unübersetzbar. In der einschlägigen Forschung scheint der Minimalkonsens darin zu bestehen, dass es sich bei dem erstmals 1939 erschienenen Roman um einen gewaltigen nächtlichen Traum handle, bei dem sich der ‚Tagesrest‘ des Träumenden mit Versatzstücken der gesamten Menschheitsgeschichte zu einer vielsprachigen und mehrschichtigen Collage vermischt.“ Blumenbach wird dieses Projekt bis mindestens 1927 begleiten.
Nun aber, endgültig, zu Anthony Powell, und nur noch zu diesem und den deutschen Versionen seines Hauptwerkes, welche ja das Thema dieses Vortrages bilden.
Meine Überlegungen zu den drei alternativen Übersetzungen, von denen nur eine, die von Heinz Feldmann, den ganzen, gigantischen Roman-Zyklus ins Deutsche gebracht hat (die anderen beiden Übersetzenden (!!) haben das ja nur für einen bzw. drei von zwölf Bänden geschafft), möchte ich mit einer Bemerkung zu dem von Powell angestrebten Erzählstil beginnen, weil dieser naturgemäß auch das Thema Übersetzung berührt.
A DANCE TO THE MUSIC OF TIME soll, Powells eigener Einführung nach zu Hillary Spurlings ‚Invitation to the Dance‘, erschienen 1977, klingen ‚as told, so to speak, over the dinner-table, rather than as recorded history‘, was man, wie so manches bei Urteilen von Schriftstellern zu ihrem eigenen Werk, nicht unbedingt für bare Münze nehmen muss. Aber ernst gemeint hat er es, und große Teile von DANCE erfüllen dieses Postulat. Man schaue sich nur die ersten beiden Seiten, die Vorrede zu dem gigantischen Hauptwerk Powells an, welches ihn endgültig und zu Recht berühmt gemacht hat. Sie beschreiben, ohne dass klar wird, warum dies geschieht, eine winterliche, von Kälte und Schnee geprägte Szene, bei der Arbeiter im Untergrund an der Verlegung von Wasserrohren arbeiten, sowie die dadurch ausgelösten Erinnerungen an die Schuljahre des Verfassers.
Diese Einleitung zum Beginn des ersten Teils von zwölf ist vollkommene Prosa. Sie dient der Überleitung in den tatsächlichen Erinnerungsmodus, betreffend die Jugend und damit das Internat des Icherzählers, Freunde, Reisen, Lernen, Erwachsenwerden. Niemand würde ernsthaft solch eine Formulierung als Teil einer Unterhaltung beim Abendessen betrachten können, aber darauf wollte Powell sie wohl kaum anwenden. Beginnen möchte ich bei meinen Überlegungen zu den diversen Übersetzungen mit den Titeln der einzelnen Bände, welche als Beispiele für Übersetzungsvarianten und -möglichkeiten natürlich eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben:
Nicolas Birns’ sagt in seinem wichtigen Buch Understanding Anthony Powell von 2004:
‘A Dance to the Music of Time’ as a title is certainly a grand, elevated one. But the titles of the individual novels are less so. Ich würde widersprechen und sagen: … some are less so.
Bleiben wir also noch bei den zwölf Titeln und meinen Überlegungen zur jeweiligen Übersetzung. Auf die der Texte komme ich später mit Beispielen zurück, welche Ihnen ausgedruckt vorliegen, weil man das nicht als Vortrag halten kann.
Band 1: A Question of Upbringing: Feldmann wie Schlienzmann haben sich für Eine Frage der Erziehung entschieden, was zwar Sinn macht, außer man fragt sich, warum Powell dann nicht die Version Education gewählt hat. Diese Frage muss jeder Übersetzer immer beantworten müssen. Ich gebe zusätzlich zu bedenken, dass zwar der Große PONS Upbringing und Education parallel setzt, aber bei dem Stichwort Erziehungsauftrag konstatiert: “Duty of a school to assist in the upbringing (not just the education) of pupils.”
Das ist klar genug und damit wäre ‚Upbringing‘ umfassender. Das entspricht wohl Powells Intentionen. Es hat nicht nur mit Schule oder Universität zu tun, sondern mit dem ganzen Komplex des Aufwachsens, der auch Elternhaus, Freunde oder Bekannte (vornean Templer, Stringham, Widmerpool, Le Bas, sogar Lundquist und Örn), Erlebnisse, Erfahrungen, Sport, und andere Umgangsaspekte der Jugend umfasst. Insofern sind zum Beispiel die Erfahrungen und Eindrücke des Erzählers beim Aufenthalt in Frankreich, sogar bei der Reise dorthin, auch und vielleicht sogar gleichwertig den auf die Schule bezogenen Teilen seines Erwachsenwerdens.
Meine abschließende Bemerkung: Der von beiden Übersetzern gewählte Titel ist nicht wirklich angemessen, sondern stellt eine anmaßende Verfälschung dar. Es muss einen Grund für Powells Wahl von ‚Upbringing‘ statt ‚education‘ geben. Ich hätte eher ‚Eine Frage des Erwachsenwerdens‘ gewählt, wenn nicht sogar ,Eine Frage der Charakterbildung‘.
‚Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt‘ (Goethe). Auf Nicholas Jenkins trifft dies exakt zu.
‚Bringing up‘ statt ‚education‘ ist eine ungewöhnliche und keineswegs zufällige Wortwahl, die ich als Titel eines Kunstwerks nur in einem anderen Fall erinnere: Der Film Bringing up Baby unter Der Regie von Howard Hawks aus dem Jahr 1938. ‚Baby‘ ist ein Leopard. Der Film war einer der erfolgreichsten mit dem berühmten Schauspieler – Paar Cary Grant und Katherine Hepburn, und für mich der witzigste gemeinsame. Die deutsche Übersetzung hilft uns wie so oft nicht weiter, denn sie lautet Leoparden küsst man nicht. Welch dumme und eitle Übersetzung, als ob der namenlose Übersetzer es besser formulieren könnte als Howard Hawks. Diese Eitelkeit bei Übersetzern trifft man nicht gerade selten. Beispiele erspare ich uns.
Zurück zu den Übertragungen ins Deutsche des DANCE, von denen nur eine, nämlich die neueste, durch Feldmann im zunächst Ehrenwirt -, später komplett im Elfenbein Verlag, vollständig ist. Natürlich lassen sich Beispiele für nicht gänzlich überzeugende Versionen bei allen Übersetzern (im vorliegenden Fall einer Übersetzerin) finden, immer nur auf einzelne Passagen bezogen, denn jede der drei Versionen hat ihre Stärken wie, in viel geringerem Umfang, ihre Schwächen, vor allem fatalerweise bei fünf von zwölf Titeln.
Man muss die Übersetzungsleistung von Feldmann bewundern, der über mehrere Jahrzehnte an seiner deutschen Version des DANCE gearbeitet hat. Als Parallel – Leser aller Versionen wird man hier die eine, dort die andere bevorzugen. Jeder von uns hat wohl ein eigenes Sprachgefühl.
Im Jahr 1961, schon vier Jahre nach der englischsprachigen Publikation, erschien die erste Übersetzung des vierten Teils von DANCE, At Lady Molly’s, durch Katharina Focke. Warum sie diesen und nur diesen Band als Teil eines zwölfbändigen Zyklus übersetzt hat, ist mir nicht bekannt, aber wir hören heute, wie ich annehme, mehr darüber. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Band 4 besonders typisch für Powell’s Erzählstil ist, in dem viel Zeit auf Dialoge und die Einführung neuer Charaktere verwendet wird, wobei Klatsch eine nicht unwesentliche Rolle spielt, und die oben zitierte Charakteristik des Erzählens beim Abendessen erfüllt ist. Fünf Jahre später erschien in der Deutschen Verlagsanstalt die Übersetzung der ersten drei Bände von DANCE durch Bernhard Schlienzmann.
In der erwähnten ausgedruckten Vorlage geht es um den Vergleich von willkürlich ausgesuchten Textstellen aus At Lady Molly‘s (zweimal KF / HF) und Acceptance World (HF / BS), wobei unterschiedliche Variationen (eigentlich sind es ja zugleich Interpretationen) kommentiert und kritisiert so wie Alternativen angeboten werden.
Ich komme im Vortrag zurück auf einzelne Titel aus den zwölf Bänden. Hier beginnen die Schwierigkeiten. Schon A Buyer‘s Market und Acceptance World stellen in der Übersetzung Rätsel dar, in geringerem Maße die von Books Do Furnish a Room.
Im deutschen DANCE führt Band 2 den Titel Tendenz: steigend, und nicht etwa Käufermarkt, was sich als selbstverständlich anböte, aber nicht verwendet wird, weder bei Schlienzmann noch beiFeldmann, auch dies seltsam. Da bei einem Käufermarkt wegen des so genannten Angebotsüberhangs bei Leistungen wie Produkten die Preise fallen, und mit ihnen sowohl das Bruttosozialprodukt wie auch die Unternehmensgewinne und damit die Staatseinnahmen, heißt das im Klartext, dass rein gar nichts steigt, und die Wirtschaft zu hinken beginnt.
‚Tendenz fallend‘ wäre als das exakte Gegenteil die einzig korrekte Titelfindung, wenn, aus welchen Gründen auch immer, die korrekte Eindeutschung Ein Käufermarkt nicht gewählt wurde. Beide Übersetzer haben nach meiner Überzeugung den Begriff nicht oder falsch verstanden und /oder haben kein Vertrauen in Intelligenz und Wissen der Leser. Dass Feldmann den Titel vom Vorgänger einfach übernommen hat, kann es nicht sein, aber die Lage ist ungewöhnlich. Die Frage bleibt offen, und ich wiederhole mich, warum beide nicht die naheliegende und korrekte Übersetzung ‚Ein Käufermarkt‘ gewählt haben, welche Powells Intentionen zumindest nicht entgegengelaufen wären, was die Entscheidung für die dann noch falsche ‚Tendenz‘ tut.
Im Erscheinungsjahr des zweiten Bandes von DANCE, 1952, war der eminente Nationalökonom und Philosoph John Maynard Keynes (1883-1946) immer noch maßgeblich. Begründet wurde der als Volkswirtschaftslehre heute in Deutschland bekannte Wissenschaftszweig von einem anderen Engländer oder genauer Schotten, Adam Smith (1723 – 1790), primär durch sein Buch The Wealth of the Nations. Auch Adam Smith war zugleich Volkswirtschaftler und Philosoph.
Keynes war ein maßgebliches Mitglied der von Virginia Woolf und ihrem Ehemann Leonard Woolf inspirierten und dominierten Bloomsbury Group, deren Denken und Ziele Powell nicht nahestand. Die Begriffe von Käufer- und Verkäufermarkt waren selbstverständliche Elemente seines Denkens wie des wissenschaftlichen Standards, und man kann davon ausgehen, dass Powell seine wesentlichen Schriften kannte, und als hochgebildete Person ebenso die Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung von Schlienzmann und Feldmann gegen Ein Käufermarkt unverständlich. Warum einen guten und vom Verfasser nicht ohne Grund bevorzugten Titel ohne Not ändern?
„A Buyers Market, indeed, is largely about Jenkin’s unspectacular love life”, formuliert es Nicolas Birns. Die sich anschließende Anmerkung hilft da auch nicht weiter: „The phrase ‘A buyer’s market’ is a term from finance, one by now familiar in application to all areas of life, which signifies that the buyer of a given commodity has an advantage over the seller.’ Korrekt, nur dass es kein ‘term from finance’, also kein Begriff aus der Finanzwirtschaft ist, sondern einer aus der Wissenschaft, der Volkswirtschaftslehre.
So weit so gut. Dann geht es weiter: ‘Presumably, the buyers are the streams of aspiring young men in their twenties flooding London society. More generally the title refers to the opportunities of life as such, beyond those protected areas – schools, French guest houses, houses of friends – seen in the first volume.’
Mir erscheint das als weit hergeholt. Es ergibt für mich auch nicht deshalb mehr Sinn, weil Birns konstatiert: ‘Yet the titles of the 12 DANCE volumes are not to be read individually but as part of a sequence.”
Lassen wir das mal unkommentiert stehen (abgesehen mal davon, dass Birns keine Beweise aus Powells Tagebüchern, Briefen oder seiner Autobiographie beibringt), und kommen wir zu Band 3 von DANCE: The Acceptance World. Mir kam der Titel schon bei der ersten Lektüre des englischen Originals rätselhaft vor. Jedoch war klar, dass er in einer Beziehung zur Welt der Finanzen steht, aber nicht zu der der Volkswirtschaftslehre.
Band 3 beginnt, keine Überraschung, mit Eindrücken, welche Nicholas beim zusammenhanglosen Zusammentreffen mit diversen Personen wie Uncle Giles, Mrs. Erdleigh, St.John Clarke, Jean Templer, ihrem Bruder Peter, Quiggin, Sillery und Dicky Umfraville gewinnt.
Der erste und zugleich letzte Anklang auf den Titel des Bandes findet sich auf S. 45: Peter Templer sagt zu Nick: ‚Widmerpool is joining the Acceptance World.‘ Auf Jenkins‘ Nachfrage erklärt er ihm, dass es dabei um Wechsel (bills) als Finanzinstrumente geht. ‚Bill‘ hat eben neben ‚Rechnung‘ auch die Bedeutung ‚Wechsel‘ als schriftliches Zahlungsversprechen, abhängig von der Erfüllung einer Verpflichtung, damit also potentiell zeitunabhängig, oder eines in der Länge definierten Darlehens, in der Regel basierend auf dem Austausch von Gütern oder Leistungen.
Wobei der Begriff ‚bills‘ zunächst nicht auftaucht, wohl aber der der ‚acceptance‘, also das, womit der Wechsel zu funktionieren beginnt. Der Feingeist Nicholas versteht natürlich nur ‚Bahnhof‘. Das ändert sich auch nicht, als ihm Templer erklärt, Widmerpool ‚is joining this firm of bill-brokers‘, so dass endlich wenigstens dieser Begriff ein einziges Mal auftaucht.
Weniger als zwei Seiten später ist das Thema von Widmerpools neuem Job erledigt, und auf S. 170 taucht es noch einmal kurz auf. Sollte das genügen, um einen ganzen Band damit zu überschreiben? Um auch später, in weiteren Bänden keine Rolle mehr zu spielen, auch nicht für Widmerpool, für den die genannte ‚firm‘ nur ein kurzes Zwischenspiel darstellt.
Wenn diese Welt oder der Begriff aber keine Metapher für ein Phänomen aus dem gesellschaftlichen oder emotionalen Umkreis des Erzählers ist, wo liegt dann ihre Bedeutung?
Vor allem kann der zweimalige, jeweils kurze (eine halbe Seite) Verweis darauf, dass Widmerpool sich als neuen Job nach der Entlassung durch Sir Magnus Donners mit einer Gruppe von Wechselhändlern verbunden hat, diesen Titel nicht begründen, der dazu nicht etwa eine wirkliche ‚Welt der Wechsel‘, sondern nur eine lose Handelsvereinigung mit Wechseln beschreibt. Wie kann etwas so Unwichtiges den Titel des Buches bilden?
Belassen wir es einmal dabei und kommen zu dem Punkt, an dem es erst richtig kompliziert wird. Dies vor allem, weil es nur eine Art der Entscheidung für beide Alternativen gibt. Man kann nicht die eine Überschrift metaphorisch und die andere sachlich interpretieren. Der Vorwurf einer unverständlichen Metapher fiele damit auf den Autor zurück.
Die Versionen von Schlienzmann wie Feldmann für Band 3 lauten: Die Welt des Wechsels. Damit erlauben sie beide den Eindruck, ein einzelnes Zahlungsinstrument von Vielen könne eine Welt begründen, als gäbe es auch eine Welt des – sagen wir einmal – Schecks. Immerhin hat es Powell so formuliert, was als Teil eines Gesprächs zwischen Templer und Jenkins als ironische Bemerkung Templers Sinn gibt, aber nicht als Titel eines ganzen Buches, denn da gehören ironische Bemerkungen nicht hin. Zugleich, und das ist ein gefährlicher Punkt bei jeder Übersetzung, erzeugen sie ungewollt, denn anders wäre es nicht denkbar, den Eindruck, es handle sich um eine Welt des ‚Wechsels‘ im Sinne von ‚Wandel‘.
Immerhin läge ein solcher Begriff in einem Roman der Art von DANCE, wo es auch um gesellschaftliche Tendenzen geht, nahe. Die einzige andere, eher unwahrscheinliche, Erklärung wäre, dass Feldmann den Titel beider Erstübersetzungen von Band 2 und 3 übernommen hat.
Mein Vorschlag für Band 3 von DANCE unter dem Strich wäre ‚Die Welt der Finanzinstrumente‘, weil die vermuteten Intentionen Powells in der Kombination mit Band 2 erhalten blieben.
Kommen wir zu Band 4: At Lady Molly‘s. Feldmann übersetzt mit Bei Lady Molly, was dem englischen Titel entspricht und als Entscheidung Powells akzeptiert werden muss, obwohl (ein einziger und kaum bedeutender Einwand) nur das erste Kapitel im Haus der Lady Molly spielt, und sie später noch ein- zweimal erwähnt wird. ‚The reader does not know, who precisely is the Lady Molly … she is a figure not conveniently predicted by any anterior expectations (Birns). Ich sehe in diesem Kapitel zum ersten Mal die Forderung Anthony Powells an sich selbst vollständig erfüllt, er wolle erzählen wie über den abendlichen Esstisch.
In diesem Band findet sich zum ersten Mal nicht viel Anderes als die Vorstellung neuer Charaktere (von denen die Titelgeberin einer ist) sowie unendlich viele und nicht enden wollende Gespräche und Dialoge, darunter wichtige und erhellende oder einen Charakter aufzeigende, aber auch solche, die kaum mehr sind als Klatsch und Tratsch, aber immer witzig und interessant.
Dass es sich bei Lady Mollys Haus um eine Menagerie handelt, was Frau Focke mit ihrer Version des Titels impliziert, ist nicht ganz schlüssig, könnte sich aber daraus erklären, dass eine Menagerie einsteht durch eine Vielzahl von verschiedenen Tieren, in diesem Fall Charakteren. Ich kann mit beiden Titeln gut leben.
Das trifft auf die Titelgebung von Band 5 nicht zu. Casanovas Chinese Restaurant wird von HF als Casanovas chinesisches Restaurant übertragen, statt des im Deutschen üblichen: Casanovas Chinarestaurant. Kein weiterer Kommentar. Die englische Version, die wie der Titel von Band 3, das Rätsel offenlässt, warum etwas ziemlich Unwichtiges (diesmal ein Restaurant statt eines Zahlungsinstruments) einen würdigen Titel hergibt, wird damit akzeptiert.
Ab Band 6 erweisen sich die Titel, da bin ich ganz bei Birns, als ‚a bit weightier‘.
The Kindly Ones , The Valley of Bones, The Soldier’s Art, The Military Philosophers, Books do furnish a Room, Temporary Kings, Hearing Secret Harmonies, all das wird von Nicholas Birns erschöpfend behandelt und gehört hier nicht hin. Widersprechen würde ich ihm nur hinsichtlich der Ernsthaftigkeit schon im Original bei Books do furnish a room. Darauf komm ich noch zurück. Die Übersetzungen der Titel stammen vom einzigen Übersetzer, und da gibt es nichts zu bemängeln, wiederum mit einer Ausnahme. Feldmanns Übersetzungen dieser sieben Titel lauten bekanntlich
# Die Wohlwollenden Dass dieser Titel der griechischen Mythologie zugeordnet werden muss, mit den Kindly ones als Eumeniden, macht es nicht einfacher. Ich habe keine Ahnung, ob der gebildete englische Powell – Leser diese Herkunft, welche im Werk nicht begründet wird, sofort begreift, dessen deutsche Entsprechung wird es kaum ahnen.
# The Valley of Bones / Das Tal der Gebeine: Dazu gibt es keine Alternative
# The Soldier’s Art / Die Kunst des Soldaten: Hier auch nicht
# The Military Philosophers / Die Philosophen des Krieges Ich hätte ich vorgezogen: Soldaten als Philosophen, weil es um das Militär und nicht um den Krieg geht. Aber ich kann mit der Version HF gut leben.
# Books do furnish a room / Bücher schmücken ein Zimmer
Hier wird es allerdings wieder kritisch, wie gesagt schon im Original.Vielleicht sollte man zur Erklärung dieses wirklich seltsamen und auch nicht so recht in die Reihe der zwölf Bände passenden Buchtitels die alternativen Ereignisse nennen, welche dem in diesem Band zum ersten Mal wieder nach langer Zeit, in der er nicht erwähnt wurde, per Zufall auftauchenden alten Bekannten von Nick namens Linsey Bagshaw oder eben Linsey Books-do-furnish-a-room Bagshaw, einen so ausgefallenen Spitznamen verschaffte. Dieser nur in England denkbare Spitzname verdankt sich, folgen wir Jenkins, nach einer Lesart einem Ereignis, bei dem Bagshaw im Zustand der Trunkenheit ein Buch aus einem hohen Fach des Bücherschranks entnehmen will, der dabei umkippt und ihn unter einer Lawine von Büchern begräbt.
Schon das klingt nicht glaubhaft, weil man sich kaum im Moment der Gefahr einer kleinen Katastrophe samt potentieller körperlichen Verletzung eine derart spezifische und originelle Bemerkung ausdenken und dann aussprechen könnte.
Die alternative und auch nicht viel glaubwürdigere Erklärung ist, dass Bagshaw sich eines Abends, pudelnackt, einer ebenso sparsam bekleideten Dame auf dem Sofa im Arbeitszimmer / der Bibliothek ihres Gatten nähert, welcher aus beruflichen Gründen, er ist nämlich Theaterkritiker, abwesend ist, und dabei diese Bemerkung fallen lässt, was für jemanden vorstellbarist, der geistreich und in nachvollziehbar guter Stimmung ist.
In beiden Fällenwäre eine Reaktion wie Bücher können wirklich (oder: doch oder in der Tat – beides als Übersetzung des ‚do‘ -) ein Zimmer schmücken eher vorstellbar als Bücher schmücken ein Zimmer. In ‚do‘ ist ein Element des Trotzes oder des Rechthabens (gegenüber jemanden, der gerade dieses anzweifelt), zu spüren und das kann man nicht unterschlagen.
Zudem wäre ‚Raum‘ angebrachter als ‚Zimmer‘. Alternativen also: ‚Bücher machen doch erst den Raum‘ oder noch besser: ‚Bücher schaffen doch erst den Raum‘, gerade wenn es um etwas Ernstes wie Bücher geht. Powell könnte man den Vorwurf machen, dass er wie in Band 3 (Acceptance world) ein völlig unwichtiges Detail, diesmal den Spitznamen einer absolut unwichtigen Person, zum Titel eines Buches macht.
Die letzten beiden Titel, welche Powell gewählt hat, sind großartig und stehen in einem ‚angemessenen‘ Verhältnis zum Inhalt, im Gegensatz zu den Bänden 3 und 9. Die Übersetzung durch Heinz Feldmann ist korrekt.
# Könige auf Zeit
# Der Klang geheimer Melodien.
Nun aber genug zur Übersetzung von Titeln im DANCE. Im Folgenden wollte ich einen Vergleich willkürlich herausgegriffener Absätze miteinander versuchen. Das trage ich jedoch nicht vor, sondern habe ich in 30 Exemplaren ausgedruckt, sodass diese vielleicht gemeinsam benutzt werden können. Ich bin gerne bereit, darüber zu diskutieren, vielleicht nach dem nächsten Vortrag.
